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  • AutorenbildElisabeth Glas

F wie Freiheit: Wie frei sind wir noch?

Die Freiheit ist das Fundament unserer Demokratie und unseres Wohlstands. Zurzeit wird sie bedrängt. Denn frei ist nur, wer sie auch gebraucht. Ein Aufsatz über Freiheit, inspiriert vom Sommer.


Meine Familie verbringt jeden Sommer am gleichen Strand in Südfrankreich. Dieses Jahr beobachtete mein Mann ein Kind beim Fischen: «Fischen ist hier doch verboten!» Ich liess meinen Blick über den Strand schweifen und entdeckte den Buben just neben dem Verbotsschild. «Auf dem Schild ist ein fischender Mann», sagte ich und ergänzte augenzwinkernd: «Vielleicht fühlt sich der Bub deshalb nicht angesprochen?»

Spass beiseite: Freiheit ist das kostbarste Gut unserer Demokratie. Der ewige Balanceakt, sie gleichzeitig zu garantieren und zu schützen, ist die noble Aufgabe der Politik. Das obige Verbotsschild schützt die Freiheit der Mehrheit, die an diesem Sandstrand sorgenfrei baden will. Gleichzeitig garantiert die Stadt die Freiheit der Fischer, indem sie andere Küstenabschnitte zum Fischen freigibt. So weit, so logisch.

Warum lassen dann die Eltern ihr Kind trotzdem am Sandstrand fischen? Während meiner Zeit als Mami im ultra-hippen New York habe ich häufig Gespräche über Nutzen und Grenzen individueller Freiheit geführt, gerade in der Erziehung. Dabei verwies ich gerne auf den Erfolg des Schweizer Systems, wo wir im Durchschnitt so viel Freiheit erhalten, wie wir Freiheit an die Gesellschaft zurückgeben. Bedingung: Alle machen mit.

Mitmachen lohnt sich aber nur dann, wenn für jeden von uns die Rechnung aufgeht – sprich genügend Freiraum bleibt, sich zu entfalten. Kein Gesetz kann die richtige Balance zwischen individueller und kollektiver Freiheit vorschreiben. Es sind Vertrauen und Zugehörigkeitsgefühl, in welche wir seit Generationen investieren, die diese Balance definieren. Entsprechend kostbar sind diese beiden urschweizerischen Soft Skills.

Denn Freiheit ist dynamisch und wandelt sich mit der Gesellschaft. Je besser die Soft Skills einer Gesellschaft, desto sanfter der Wandel. Je ignoranter eine Gesellschaft, desto härter die Landung: So führte die Erfindung der Dampfmaschine vor 250 Jahren zur Französischen Revolution, weil das neue Bürgertum unterschätzt worden war. 100 Jahre später entstand mit der Erfindung von Glühbirne und Fliessband das Proletariat und besiegelte das endgültige Schicksal Europas Monarchien.

Als Historikerin weiss ich, dass dies stark vereinfacht ist. Aber mir geht es um die Message, dass es verführerisch ist, einen sich abzeichnenden Wandel zu unterschätzen. Denn seit der Erfindung des Computers befinden auch wir uns mitten in einem Strukturwandel: Auf der einen Seite haben wir eine hypervernetzte Welt mit neuartigen, globalen Playern, auf der anderen Seite eine hochindividualisierte Gesellschaft von Selbstdarstellern. Was heisst das für unsere Freiheit?

Sie ist in Bedrängnis. Nicht vom Osten, nicht vom Süden, sondern aus dem Silicon Valley und Shenzhen. Die grossen Tech-Firmen sind praktisch autark und navigieren im rechtsfreien Raum oder definieren ihre Regeln gleich selbst. Sie besetzen quasi die erste Reihe am Strand, haben alle Verbots­tafeln abgeräumt und sind fröhlich am Fischen. Für uns Normalos gilt: Baden auf eigene Gefahr.

Dank unserer direkten Demokratie und pragmatischen Mentalität ist die Schweiz zum Glück gut darin, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Aber nur, wenn wir uns nicht selbst verleugnen. Deshalb müssen wir wieder bewusst in unsere Soft Skills investieren, unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entmoralisieren und uns als verlässlichen Partner im Herzen Europas positionieren.


NB: Die Illustration ist ein KI-generierter Avatar basierend auf 15 Fotos von mir.

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